Flagge Tunesien

Monastir, Tunesien

Oktober 1999

Das Training begann überraschenderweise schon kurz nachdem wir in das Flugzeug eingestiegen waren, welches uns nach Monastir in Tunesien bringen sollte. Der Ablauf des Eincheckens lief noch völlig unproblematisch ab und zeitlich gesehen hätten wir auch pünktlich starten können. Doch bei der Zählung der Passagiere stellte sich heraus, dass zwei Familien fehlten. In der Kabine wurden die Fluggäste Schneider und Richter (Name so geändert, weil sie später noch eine Rolle spielen, zumindest in dieser Geschichte) ausgerufen. Alle Fluggäste drehten sich um, nachdem vor ihnen keine Reaktion zu sehen war, doch auch hinter ihnen stand niemand auf. Konnten sie auch nicht. Sie waren nicht an Bord. In der Abflughalle wurde fieberhaft nach den gesuchten Personen gefahndet, doch ohne Erfolg. Als Ergebnis teilte uns der Flugkapitän mit, dass nun die Koffer der zwar eingecheckten doch nun unauffindbaren Passagiere im Stauraum gesucht und ausgeladen werden müssen. Aus Sicherheitsgründen. Die Reisenden mit Trainingsrückstand wurden weiß um die Nase, die durchtrainierteren unter ihnen wurden rot im Gesicht. Der Flug startete eine Stunde später als geplant, denn es dauert eben lange, den Flugzeugzeugstauraum für 250 Passagiere nach vier Gepäckstücken zu durchsuchen.

Mit der Gewissheit, die Bomben in den Koffern liegen nun wieder im Flughafengebäude ließ sich gut träumen von Flugziel in Nord-Afrika, dass wir mit einer knappen Stunde Verspätung bei Dunkelheit erreichten. Ich hoffe nur, dass der Richter noch nicht aus dem Schneider ist.

Ein äußerst hilfsbereiter Tunesier stürzte sich ohne uns zu fragen auf unsere vier Koffer, nachdem wir die Passkontrolle und den Zoll in Monastir passiert hatten. Ehe wir uns versahen, stürmte er mit dem Kofferwagen in Richtung Parkplatz, auf dem die Busse warteten, die uns ins Hotel bringen sollten. Behende wuchtete er die schweren Koffer in den Bus-Kofferraum und stand dann breit grinsend da, die Schweißperlen auf seiner Stirn mit dem Jackenärmel weg wischend. "Toller Service", sagte ich zu ihm, klopfte ihm mit einem anerkennenden Lächeln auf die Schulter und stieg in den Bus. "Freundliche und hilfsbereite Leute hier", sagte ich zu meiner Frau, und setzte mich an einen Fensterplatz.

Die Situation bei der Hotelankunft war unübersichtlich. Die Torkontrolle an der Straße öffnete nur einen Flügel des Tores, um den Bus durchzulassen. Waffen konnte ich keine erkennen. Beim passieren der Einfahrt zum Hotel nahm ich aus den Augenwinkeln nur die hohe weiße Mauer wahr, die wohl den gesamten Komplex umschloss. Stacheldraht auf der Mauerkrone suchte ich vergebens. Die Pagen am Hoteleingang sahen relativ freundlich aus, in den engen Livres konnte ich auch keine eindeutige Beule durch Schulterhalfter ausmachen.

Die Koffer wurden schon entladen, bevor der Bus ganz zum stehen kam. Irgend jemand drängte die Reisenden sanft aber bestimmt in Richtung Hotelhalle zur Rezeption ab. Irgendwie schwirrte das Gerücht durch den Raum, dass die Koffer vor der Hotelhalle vorerst deponiert würden, während wir weitergeschoben wurden, durch die Hotelhalle hindurch, auf der anderen Seite wieder hinaus und in einen weiten Innenhof hinein. Es beruhigte mich nicht sehr, dass überall offensichtlich hier wohnende Touristen ohne weitere Hotelbedienstete sich frei zu bewegen schienen. Unser Trupp wurde in ein Restaurant geleitet, wo wir angewiesen wurden uns an die freien Tische zu setzen.

Die Einweisung durch den Hotelmanager folgte in mäßig verständlichem Deutsch. Er wedelte mit weißen Karten herum, die so aussahen, wie die, die wir im Flugzeug schon für die Einreise ausfüllen mussten. Es waren die gleichen Karten, doch der Hotelmanager bestand nach leichten Unmutsäußerungen der Urlauber auf dem Ausfüllen derselben. Wahrscheinlich gehörte diese Prüfung dazu um auszutesten, ob man mit einem leeren Magen und durstiger Kehle in einem Restaurant mit schnell servierten Getränken und bratengeschwängerter Luft in der Lage war, konzentriert die Karten korrekt für den Erhalt der Zimmerschlüssel auszufüllen, um später die Trainingseinheiten für das weitere Überlebenstraining festzulegen.

Erst viel später kam mir der Gedanke, das dass Training schon längst begonnen hatte, nachdem der Hotelmanager wortlos mit den ausgefüllten Karten und unseren Pässen verschwunden war und sich die ersten unschlüssig und ohne weitere Aufforderung am Buffett zu schaffen machten, von dem die anderen Hotelgäste schon längst ihr Abendessen eingenommen hatten. Wir wurden auch nicht weiter bewacht, hier fielen mir nur planlos herumlaufende Kellner auf. Wir häuften uns irgendetwas von den Resten der warmen und kalten Speisen auf den Teller und sahen zu, dass wir so schnell wie möglich wieder zu unserem Gepäck und an die Zimmerschlüssel kamen. Auch von der Rezeption aus wurden unsere Koffer von einem Hotelangehörigen transportiert, was mich nicht weiter verwunderte, da wir ja einer 4-Sterne Anlage eingecheckt hatten. Mir tat es daraufhin auch leid, dass ich den netten jungen Mann ohne Trinkgeld gehen lassen musste. Ich hatte weder tunesische Dinar noch deutsches Hartgeld parat, und den Hundertmarkschein wollte ich ihm nicht anvertrauen.

Am Zimmer war nichts auszusetzen, die Betten waren sogar besser als erwartet und als beim Aufwachen am folgenden Morgen die Sonne von einem blauen Himmel strahlte, konnte der Urlaub beginnen.

Ob das Frühstück so wie im Katalog abwechselungsreich ist, kann man am ersten Tag natürlich noch nicht beurteilen, doch es gab reichlich. Die seltsam aussehenden Würstchen musste man nicht nehmen, auch nicht das Rührei mit dem angetrockneten Rand, das auf Warmhalteblechen vor sich hin dunstete. Die warmen Croissant, die den französischen Einfluss ahnen ließen, mit der stark gesalzenen Butter schmeckten ganz gut, die 6 verschiedenen Marmeladensorten schmeckten alle gleich. Es dauerte etwas, bis man ein sauberes Glas für den Orangensaft aus dem Automaten fand, der zwar nicht kalt war, jedoch in einem gelblich-weißlichem Orange leuchtete. Dafür war der Kaffee wärmer und die Milch schmeckte nicht nach Ziegenmilch. Da uns weitere Trainingseinheiten nicht bekannt waren, spurteten wir sofort nach dem Frühstück zum Poolbereich, um uns mit den anderen Gästen um die Liegen zu schlagen. Enttäuscht stellten wir fest, dass kaum Leute am Pool waren und uns die freie Auswahl an Liegen zur Verfügung stand. Uns fiel erst am nächsten Tag auf, dass immer viele Liegen frei waren und auch frei blieben, genauso, dass es zu den Essenzeiten im Restaurant merkwürdig leer blieb. Merkwürdig fanden wir auch, dass jeden Tag 5 – 6 mal ein gut gekleideter Mann mit einer Art Arztkoffer vom Haupteingang quer über den Poolbereich zu dem ein oder anderen Bungalow unterwegs war.

Da wir weiterhin unbehelligt unseren Urlaub in der streng bewachten Anlage am Pool genießen konnten, traute ich mich doch einmal an den dem Hotel angeschlossenen Strand. Die Belästigung durch Wasserträger, Kamelrittanbieter oder Teppichhändler nahm nur dort zu, wo der Strand nicht zu Hotels gehörte. Doch berittene Polizei war immer in der Nähe und man konnte sich doch relativ frei bewegen und ein Bad nehmen. Auch hatten sich die Frauen daran gewöhnt, dass die hotelbediensteten Männer ständig hilfsbereit um sie herum wedelten. Wir konnten auch feststellen, dass sich das männliche Personal umso aufmerksamer jüngeren blonden Frauen gegenüber verhielt, je kleiner der Bikini war.

Nach zwei Tagen lagen unsere beiden Kinder mit Durchfall im Bett, meine Frau gesellte sich nach drei Tagen hinzu, ich selbst legte mich am vierten Tag daneben. Es war wirklich schade um die freien Liegen am Pool. Ob uns die Wachen am gut gesicherten Eingang für einen Ausflug zu den tunesischen Kultstätten herausgelassen hätten, konnten wir deshalb leider auch nicht mehr austesten.
Auf dem Weg zur Rezeption, an der auch eine kleine Apotheke angeschlossen war, spielten sich von Tag zu Tag immer turbulentere Szenen an den Tischen der Reiseleitungen ab. Viele der Urlauber wollten einfach nur noch nach Hause, weil wohl die Apotheke auch keine Mittel mehr gegen Durchfall zur Verfügung stellen konnte. Viele versuchten mit selbst bestellten Taxen den Flughafen zu erreichen, allerdings schafften nur wenige den Fußweg bis zum Stahltor der Ferienanlage, weil es auf dem Weg dorthin keine Toiletten gab.

Die Leitung des Reiseveranstalters dementierte lautstark aufkommende Meinungsäußerungen der Urlauber, die sich gegen das Restaurant, seine Sauberkeit oder gar gegen die Verpflegung richtete. Todesmutig kündigten die Reiseveranstalter selbst ihren Besuch in den Restaurationen an, worauf hin dort den ganzen Tag gewienert und geschrubbt wurde. Nachdem sie am folgenden Tag triumphierend nach dem Genuss des wirklich guten Essens an diesem Abend ohne Probleme an ihren Besuchstischen saßen, traute sich niemand mehr den Sinn und Zweck dieses Überlebenstrainings zu kritisieren. Ich wunderte mich nur darüber, warum an den nächsten Tagen das Küchenpersonal nach der Essenausgabe grinsend hinter den Türen in den Speiseraum hereinlugte und sich manche vor Lachen auf die Schenkel klopften.

Da wir nur eine Woche gebucht hatten, freuten wir uns schon bald auf den Rückflug und schlossen das einwöchige Training in diesem Trainingslager mit Erfolg ab. Der Versuch, bei der Fluggesellschaft einen unserer Plätze gegen einen Toilettenplatz zu tauschen, schlug allerdings wegen zu hoher Nachfrage fehl. Natürlich versuchten auch wir, vom Reisepreis wegen entgangener Ferienfreuden Teile der Kosten uns erstatten zu lassen. Der Veranstalter sah allerdings keine Veranlassung dazu, weil wir es einmal versäumt hätten, den gut gekleideten Herren mit dem Köfferchen zu konsultieren und außerdem müsste man im Süden immer mal mit Durchfallerkrankungen rechnen. Da wir ja nun auch die Kosten für den Arzt gespart hätten, erlitten wir ja auch keinen finanziellen Verlust.

Interessierten an diesem Überlebenstraining stellen wir gerne den Name des Reiseveranstalters sowie den Hotelnamen zur Verfügung, die uns hinreichend bekannt sind. (TOP)

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  19.05.2003